• Jessica Mertel

"Wenn der Mund offen ist, ist der Muttermund geschlossen" - Interview zum "roses revolution day"

Aktualisiert: 3. Apr 2019

Heute ist der "roses revolution day" - eine Initiative für eine gerechte Geburtshilfe in Deutschland. Denn leider ist es immer noch so, dass tagtäglich Frauen Geburten erleben, die respektlos, übergreiflich und verletzlich ablaufen.


Gewalt gegen Frauen ist auch, ...

  • sie unter Wehen gegen ihren Willen zum Stillliegen zu zwingen

  • unter Wehen wieder und wieder nach dem Muttermund zu tasten

  • ihnen zu sagen: "Wenn Sie jetzt nicht mitarbeiten, dann stirbt Ihr Baby!"

  • sie unter Geburt allein zu lassen oder ihnen zu sagen, sie sollen gefälligst still sein

  • die Geburtspostion (z.B. liegend auf dem Bett mit festgeschnallten Beinen) vorzuschreiben

  • ihnen ohne ihr Einverständnis und ohne medizinische Notwendigkeit einen Dammschnitt zuzufügen

  • bei Ihnen ohne medizinische Notwendigkeit einen Kaiserschnitt zu machen

  • sie ohne medizinische Notwendigkeit von ihrem Baby zu trennen

  • ....

(Quelle: http://www.gerechte-geburt.de)


Da es in unseren Augen wichtig ist, Frauen eine Stimme zu verleihen, haben wir uns auf die Suche gemacht nach einer Frau, die ihre Geburtsgeschichte und die Ungerechtigkeiten, die ihr wiederfahen sind, mit uns teilen möchten. Wir sind dankbar, dass wir Conny zu diesem wichtigen Thema interviewen konnten:



Liebe Conny, wir freuen uns sehr, dass du uns dein Vertrauen entgegenbringst und uns zum „roses revolution day“ deine Geburtstgeschichte erzählen möchtest!

Conny, erzähl uns doch erst einmal in drei Sätzen, wer du so bist?

Mein Name ist Conny, ich bin 30 Jahre und verheiratet. Meine Tochter Nala wird nächsten Monat ein Jahr alt und ich bin noch bis Dezember nächstes Jahr mit ihr Zuhause. Nach meiner Elternzeit werde ich zurück in meinen Beruf in der Hotellerie gehen.


Wie viele Kinder hast du?

Eine Tochter


Wie verlief deine Schwangerschaft?

Die Schwangerschaft war sehr anstrengend für mich. Ich habe bis zum Mutterschutz gearbeitet, was oft sehr stressig war. Körperlich hatte ich keine Beschwerden (außer die üblichen geschwollenen Beine und Rückenschmerzen), meine Baustelle war eher die Psyche. Ich hatte Probleme mich mit den Veränderungen, die mein Körper durchmachte, abzufinden. Ich war sehr müde und konnte mich oft nicht dazu motivieren etwas zu machen. Daher habe ich dem Ende der Schwangerschaft entgegengefiebert.


Hattest du dich bereits in deiner Schwangerschaft mit dem Thema „Geburt“ auseinandergesetzt? Wie bist du an das Thema herangegangen?

Ich hatte vor der Geburt meiner Tochter ziemlich Angst. Aber nicht vor den Schmerzen, sondern davor, dass die Hebamme im Krankenhaus oder der Arzt ein Fehler macht und meiner Tochter oder mir etwas zustößt. Ich habe aus diesem Grund beschlossen, keinen Geburtsvorbereitungskurs zu machen, sondern es auf mich zukommen zu lassen. Ich habe dennoch mit meinem Mann einen Termin bei meiner Nachsorgehebamme ausgemacht, um den Vorgang der Geburt und die einzelnen Phasen durchzusprechen. Dieser Termin hat mir viel Mut gemacht und mir auch einige Sorgen genommen. Daher habe ich es damit gut sein lassen und mich nicht weiter verrückt gemacht.


Wie verlief dann die Geburt deines Kindes? Hattest du es dir so vorgestellt oder kam alles ganz anders?

Die Wehen fingen nachts gegen 1 Uhr an. Da ich als Erstgebärende noch Zeit hatte, habe ich meinen Mann bis etwa 4 Uhr schlafen lassen und habe die Wehen erst mal alleine veratmet, was super funktioniert hat. Wir sind dann gegen 6 Uhr im Krankenhaus angekommen – der Weg hat sich sehr lang gezogen, da es unheimlich geschneit hat in dieser Nacht und wir nur mit ca 40km/h über die Autobahn fahren konnten. Dort angekommen habe ich auf eigenen Wunsch eine PDA bekommen. Die Schmerzen wurden immer stärker aber als die PDA gewirkt hat, ging es mir gut. Ich habe mich gefreut, dass es endlich los geht und ich meine Tochter bald darauf endlich in den Armen halten kann. Die Hebamme im Krankenhaus hat mich immer wieder umgelagert und den Muttermund untersucht. Das war alles kein Problem für mich. Die Hebamme war zu diesem Zeitpunkt sehr nett und respektvoll. Der Muttermund war schnell komplett geöffnet. Leider hat meine Tochter aber ihren Kopf nicht richtig in mein Becken drehen können und so hat die Hebamme den Oberarzt dazu gerufen. Die beiden haben sich kurz besprochen, ohne dass mein Mann und ich mitbekommen haben, was gesagt wurde. Der Arzt hat im nächsten Moment seinen Kittel an den Haken gehängt, eine Schlaufe an meinem Bett fest gemacht und mir gesagt, dass er nun etwas mithelfen wird. Ich solle bei der nächsten Wehe mitpressen, auch wenn es keine Presswehe ist. Als die Wehe dann kam, hat sich der Arzt mit seinem gesamten Körper über mich gebeugt und sich an der Schlaufe nach unten gezogen, um so meine Tochter von außen nach unten zu drücken. Bereits bei dem ersten Mal hatte ich enorme Schmerzen und hatte direkt blaue Streifen über meinem gesamten Bauch. Diese Prozedur ging insgesamt 7 oder 8 Mal. Ich habe jedes Mal geschrien vor Schmerzen. Dennoch habe ich versucht so gut es ging zu pressen und mitzuarbeiten, wie die Hebamme und der Arzt es von mir verlangt hatten. Ohne Presswehen zu pressen, noch dazu wenn ein Mann von außen auf den Bauch drückt ist aber nicht möglich. Sowohl der Arzt als auch die Hebamme haben mir in jeder Wehenpause eingeredet, dass ich nicht richtig mitarbeite und wenn ich richtig pressen würde, hätte ich auch keine Schmerzen. Außerdem dürfte ich nicht schreien, denn wenn mein Mund offen wäre, wäre mein Muttermund geschlossen.


Der schlimmste Moment war jedoch, als ich in einer Wehe nicht mehr konnte und gebeten habe, eine Pause zu machen. Der Arzt hat mich angeschrien, dass ich weiter machen muss, weil es meiner Tochter nicht gut geht. Ich habe in diesem Moment versucht meine letzten Kräfte zu mobilisieren, damit diese Tortur einfach bald vorbei ist. Als meine Tochter dann endlich auf der Welt war, hat sich herausgestellt, dass sie Fruchtwasser geschluckt und die Nabelschnur um den Hals gewickelt hat. Der Arzt hat mit seinem Eingreifen dazu beigetragen, dass meine Tochter während der Geburt stranguliert wurde und ich kann von Glück sagen, dass sie keine bleibenden Schäden davon getragen hat.


Im Nachhinein habe ich mich über diese Intervention informiert und habe herausgefunden, dass dieser sogenannte Kristeller-Handgriff nur durchgeführt werden darf, wenn Mutter oder Kind in Lebensgefahr schweben. Bevor der Arzt eingegriffen hat, wurde mir aber noch gesagt, dass man nun handeln müsste, da der Muttermund bereits seit 2 Stunden vollständig geöffnet war. Von Lebensgefahr also keine Rede. Man wollte meine Geburt beschleunigen und keinen Kaiserschnitt machen.


Was wünscht du dir von der Regierung bzgl. der Kliniksituation in Deutschland? Wo müssen Verbesserungen her?

Es darf nicht immer nur um Zeit gehen – je schneller eine Geburt abläuft, desto besser. Es müssen mehr Kreissäle zur Verfügung stehen, so dass es keinen „Stau“ vor dem Kreissaal geben kann. Außerdem sollten Hebammen mehr Kompetenzen haben und dem Arzt gleichgestellt sein. Leider ist es oft so, dass die Hebammen von den Ärzten übergangen werden und sich oft nicht trauen etwas zu sagen, da ihr Job auf dem Spiel stehen könnte.


Was denkst du zum Thema „Hebammenberuf heute“? Welchen Stellenwert haben Hebammen in unserer Gesellschaft?

Hebammen in unserer Gesellschaft haben es nicht leicht. In den Krankenhäusern müssen sie Akkordarbeit leisten und werden oft von den Ärzten dominiert. Wenn sich eine Hebamme niederlässt und als Nachsorgehebamme arbeiten will, hat sie immer das Risiko der Selbstständigkeit und muss meist hohe Summen an Versicherungen zahlen. Daher denke ich, dass Hebammen nicht genug geschätzt werden und, wie viele andere Gesundheitsberufe auch, der Beruf nicht attraktiv ist. Bei meiner Suche nach einer Nachsorgehebamme hatte ich Glück und habe nur über den Kontakt von einem Familienmitglied eine Hebamme gefunden. Vorher hatte ich viele Absagen von Hebammen, die keine Kapazität mehr hatten.


Was möchtest du werdenden Mamas mit auf den Weg geben für eine friedvolle, selbstbestimmte Geburt?

Vertraut auf euer Gefühl! Wenn euch etwas falsch vorkommt, dann sagt etwas und lasst euch nichts gefallen. Wenn ihr die Möglichkeit habt, nehmt eine Doula mit in den Kreissaal. Sie kann euch unterstützen und gegebenenfalls auch beschützen.


Fotografin: Ines Barwig

Mehr Informationen zu der Initiative findet ihr hier:

http://www.gerechte-geburt.de/home/roses-revolution/

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