• Jessica Mertel

Vollzeitworkinglifestylepowerdad

Aktualisiert: 3. Apr 2019


Vermutlich bin ich nicht der einzige Papa, bei dem vor der Geburt des eigenen Kindes Erwartung/Vermutung/ Vorurteil und Realität, Wunsch und Wirklichkeit weit voneinander entfernt lagen und sich nach der Geburt des Kindes bzw. spätestens mit Beginn der „Papi-Zeit“ in Richtung Wirklichkeit verschoben haben.

Vor der Geburt war ich der Meinung, meine Frau könnte ja nach wenigen Wochen/ Monaten wieder arbeiten gehen. Schließlich gibt es ja Fremdbetreuung. Ich war der Meinung das gewohnte Leben würde nahtlos einfach weitergehen.

Was sollte ein Kind daran schon ändern? Lustig, wenn ich an diese Vorstellungen zurückdenke.

Natürlich ist alles ganz anders gekommen....zum Glück!

Kaum war der kleine Wurm auf der Welt war die Vorstellung an eine Fremdbetreuung – egal wie nah oder fern in der Zukunft – undenkbar. Jemand anderes außer uns sich um die kleine Prinzessin kümmern? Andere Einflüsse und Erziehungsmaßnahmen ausüben? Auf keinen Fall!


Natürlich denkt man an Möglichkeiten, wie man eine Fremdbetreuung umgehen könnte, auch an die Zeit nach Kita und Kindergarten zum Thema Schule und home schooling (gut, das ist ein ganz anderes Thema und hat hier nichts weiter verloren).

Schließlich war es für mich auch sehr angenehm und bequem, mit dem Wissen, dass meine beiden Schätze zuhause sind, zu arbeiten, keine Begrenzungen zu haben, völlige Flexibilität (die man als Selbstständiger ja so schätzen lernt) und Freiheit.

Schnell mal den Einkauf erledigt und nach den Lieben gesehen, dann mal wieder einen Termin und so ging das etwa 1 ½ Jahre.

Wir hatten uns mittlerweile darauf verständigt, dass berlincitymum zwei Jahre zuhause bleibt und unser Töchterchen erst in die Kita kommt, wenn sie laufen und sich gut verständen kann. Das passte ganz gut mit den zwei Jahren.

Nun kam es aber so (ein Wink des Schicksals), dass eine Kita in der Nähe ganz frisch eröffnete und wir dort ohne Bewerbungsrunden und Buhlen einen freien Platz bekamen.

Die Maus war dann genau 1 ½ Jahre alt und vollständig geh- und stehfähig.

Gut, das mit der Sprache war noch nicht so ausgeprägt, aber der Eindruck der Kita, das Konzept, die ErzieherInnen, das alles war sehr stimmig.

Zudem gab es überraschend ein Jobangebot für belincitymum; da passte in diesem Moment alles perfekt zueinander.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge begann dann die Eingewöhnung, die alleine die Mami übernahm (sie hatte ja noch frei).

Dann stand die Frage im Raum wie das mit dem Bringen und Holen organisiert würde.

Berlincitymum fing ja schon um 08 Uhr im Büro an zu arbeiten, das hätte bedeutet, dass das Kind schon um 07 Uhr in die Kita hätte gebracht werden müssen. Und da sie zu dieser Zeit noch ein Langschläferkind war, lag mir kaum ein Gedanke ferner als sie morgens um 6 Uhr wecken zu müssen.

Also beschlossen wir, dass ich sie um 9 Uhr in die Kita bringe, dann meinen Tag als mobiler Tierarzt verbringe und sie dann entsprechend auch am Nachmittag zeitig – also gegen 15 Uhr wieder abhole.

Mami hätte – dank zunächst 30 Wochenstunden – wenigstens auch um 16 Uhr an der Kita sein können. Aber ‚je kürzer fremdbetreut, desto besser’, war unser Credo.

Sollte es bei mir doch einmal mit Terminen länger dauern, war aber auch 16 Uhr natürlich kein Problem.

Mein Tag ist damit klar strukturiert. Morgens gegen 06.30/ 7 Uhr aufstehen, dass ab 07.30 Uhr ohne Mami die morgendlichen Pflichten mit Frühstück und Anziehen vollführen, dann zur Kita bringen. Ab dann ist mein Tag mit Terminen verplant, die im besten Fall (das ist er zu 99%) pünktlich gegen 14.30/15 Uhr enden, damit ich vor 16 Uhr an der Kita bin (die hat länger auf, aber 7 Stunden Kita reichen dann auch).

Nun ist es aber mittlerweile so, dass Mami durch eine Jobwechsel frühestens gegen 16.45 Uhr an der Kita sein kann und damit die Entlastung für den Nachmittag weitestgehend wegfällt.

Dadurch kann es sein, dass ich dringende Notfälle, die ich vor der Abholung am Nachmittag nicht rechtzeitig schaffe, am frühen Abend behandeln muss und damit – nachdem die Familie vollständig zuhause ist – nochmal los muss.

Leider ist zu dieser Zeit dann natürlich der Berufsverkehr am Brummen und die Work-Life-Balance beginnt zu schwinden.

Zudem geht Mami einmal im Monat über Nacht auf Geschäftsreise. Damit fallen dann an den beiden Tagen zusätzlich die Möglichkeiten weg, Termine auf den frühen Abend verlegen zu können/ müssen.

Das verlangt mir natürlich einiges an Organisation ab.

Kurzum: ich bin froh, dass unser Kind morgens nicht das erste und auch nachmittags nicht das letzte Kind ist, das aus der Kita abgeholt wird. Diese Möglichkeit alleine entschädigt für vieles. Dank guter Organisation und natürlich jahrelanger Expertise gelingt es mir, meinen Job und die Familie annähernd optimal unter einen Hut zu bringen.

Und auch unter uns Elternteilen herrscht dabei keine Zwietracht. Wir haben uns schon sehr oft darüber unterhalten, wie schön es wäre, „noch mehr“ gemeinsame Zeit für unser Kind zu haben.

Die anfänglichen 30 Wochenstunden von Mami halfen schon sehr gut dabei, die Abholungssituation im Notfall zu ermöglichen.

Nun steht sie bei 35 Wochenstunden beim neuen Arbeitgeber, aber aufgrund der unterirdischen Verkehrssituation am Nachmittag dauert es bei ihr dann bis annähernd 17 Uhr zur Kita.

Ganz zuhause zu bleiben wäre auch ein schöne Vorstellung (am besten beide, haha), aber erstens ist die Zeit in der Kita definitiv wertvoll für die Entwicklung des Kindes und zweitens ermöglicht es die Gesellschaft/ unsere Politik heute kaum mehr, nur ein Gehalt in der Familie haben zu können.

Durch Wünsche nach Selbstverwirklichung, Ausfüllen des Alltags und Anerkennung in der Gesellschaft steht das Hausfrau-Modell bei vielen Frauen sowieso nicht zur Debatte.

Aber: es ist dennoch ein Unterschied, ob man quasi gezwungen wird, zwei Gehälter auf den Lohnsteuerjahresausgleich zu setzen oder es aus freien Stücken tut.

Gerade am Wochenende waren wir mit Freunden frühstücken, die in Kürze ihr erstes Kind erwarten und nicht ansatzweise eine zweijährige Elternzeit in Erwägung ziehen können, weil die 30% des Gehaltes verteilt auf die 2 Jahre ein zu großes Loch in die Haushaltskasse reißen würde. Traurig. Zumal dann die Frage aufkam, wie es denn aber dann diese Eltern schaffen, die zwei oder mehr Jahre zuhause mit dem Kind zuhause bleiben..

Die werdende Mami argumentierte dann, dass die Väter dann wohl in Managementpositionen mit exorbitant guten Gehältern arbeiten würden. Ist das so?

Ich denke nicht.

Ich denke es sind eher die Familien, die achtsam mit sich, ihre Haushaltskasse und der Familienzeit umgehen. Natürlich sollte die Miete noch sozialverträglich sein, natürlich ist dann unter Umständen weder ein Familienurlaub noch die regelmäßige Shopping-Tour möglich. Aber ist es das nicht wert?

Der Verbraucherindex steigt von Jahr zu Jahr unaufhörlich. Pro Jahr etwa 1-1,5 Punkte.

Einfach gesagt, es wird alles teurer und das kontinuierlich von Jahr zu Jahr.

Nun könnte man entgegnen, dass ja aber die Kita-Gebühren (zB bei uns in Berlin) weggefallen sind, was doch eine Entschädigung für vieles sei.

Das ist richtig, wir haben den Übergang erlebt, haben in den ersten Monaten noch gezahlt und wurden dann entlastet. Leider haben die höheren Verbraucherpreise für Wohnen (inkl. Nebenkosten), Kraftstoff, Lebensmittel und Naherholung diesen Vorteil vollständig aufgefressen.

Aber das soll hier nicht das Thema sein.

Zum Schluss noch ein paar Sätze dazu wie ich mich mit dieser ganzen Situation fühle:

Ich bin grundsätzlich sehr dankbar, mich in einer selbstständigen Arbeitssituation zu befinden, die mir die Flexibilität überhaupt gibt, unseren Alltag entsprechend meiner Schilderungen zu gestalten.

Ich bin sehr glücklich, dass ich meine Tochter wahrscheinlich deutlich häufiger sehe als die meisten working dads!

Ich bin mir vor allem bewusst, dass diese kostbare Zeit, in denen Kinder so sehr von der Zuwendung und Organisation der Eltern abhängig sind bzw. diese auch einfordern, sehr kurz ist und der Moment, in dem sie ihre Ruhe vor uns wollen, schneller kommt, als uns lieb ist.


Daher denke ich, dass – abhängig von Beschäftigungsverhältnissen und finanziellen Verpflichtungen – sowohl Mutter als auch Vater jede Möglichkeit nutzen sollten, möglichst viel und möglich lange Zeit mit ihrem Kind zu verbringen.

Dazu gibt es zum Abschluss ein schönes Zitat:

„Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: die Sterne der Nacht, die Blumen des Tages und die Augen der Kinder.“ (Dante Alighieri)


Wie sind eure Erfahrungen? Wie gestaltet ihr euer Berufsleben und eure Familien – und Freizeit? Wie bekommt ihr das so hin mit der work-life-balance und dem ganzen verrückten Zirkus da draußen?


Schreibt uns doch mal eure Meinungen und Modelle - wir freuen uns darauf!


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