• Jessica Mertel

"Massenabfertiegung durch Zentralisierung" - Interview mit Mira zur aktuellen Geburtssituation

Aktualisiert: 3. Apr 2019

Liebe Mira, erzähle uns doch zunächst in drei Sätzen mehr zu dir – wer bist du? Was machst du und was bewegt dich?

Hallo, also ich bin Mama einer sechsjährigen Tochter, Autorin beim Humboldt-Verlag und ich studiere gerade Medienwissenschaften. Da mein Partner Deva und ich zusammen einen großen Babyblog (http://babytalk.world) betreuen, bekommen wir fast täglich Nachrichten von Mamas, die sehr heftige Geschichten im Kreißsaal erleben mussten. Diese und die absolut kaltherzige Geburt meiner Tochter haben uns dazu bewegt, etwas zu unternehmen, damit die Geburtshilfe endlich wieder würdevoll wird.


Am 25.11.2018 nähert sich der „Roses Revolution Day“, ein globaler Tag gegen Gewalt in der Geburtshilfe. zum siebten Mal. 2011 wurde die roses revolution nach einer Idee der Geburtsaktivistin Jesusa Ricoy ins Leben gerufen. Wie bist du auf diese Aktion aufmerksam geworden?

In der Tat dank Facebook. Eine Mutter, die im selben Krankenhaus entbunden hatte wie ich postete ein Foto ihrer Rose samt ihres Briefes. Seit dem bin ich jedes Jahr dabei, über diesen Tag zu berichten.


Hast du Erfahrungsberichte von deutschen Müttern erhalten? Geht es wirklich so traumatisch in den Kreißsälen zu?

Leider bekommen wir durch den Babyblog und seit der Umsetzung des „Weltrekordes für Hebammen“ (der längste Brief der Welt, wir senden Frau Merkel eine kilometerlange Schriftrolle mit Klagebriefen tausender Eltern) in der Tat viele traurige Berichte aus deutschen Kreißsälen. Vor allem die Art der Kommunikation ist sehr unwürdig geworden, aber auch die Tatsache, dass man von „Massenabfertigungen“ durch Zentralisierung sprechen muss. Eine empathische und herzliche Betreuung im Kreißsaal ist sehr selten geworden.



Warum ist das so?

Geld spielt eine große Rolle. Seit Geburtsstationen unter einem finanziellen Druck stehen und sich „lohnen“ müssen, sogar in einer Art Wettbewerb mit anderen Abteilungen in Krankenhäusern stehen, ist es zu viel zu vielen Einsparungen gekommen. Dann kommt das Problem der Haftpflichtversicherung für Geburtshelfer hinzu, die gerade viele freiberufliche Hebammen außerhalb des Kreißsaales aussortiert, weil sich Hebammen diese schlichtweg nicht mehr leisten können. Und eine fehlende Lobby, die der Politik genügend Druck bereitet, ist auch in heutigen Zeiten ein großes Problem. Würden Millionen von Steuern an den Geburten hängen, sähe das ganz anders aus...


Du hast storchenfonds.org gegründet – erzähl uns bitte mehr davon! Wie steht es um die deutschen Hebammen?

Die Hebammen in Deutschland haben die Wahl: Sie können in Krankenhäusern arbeiten, in denen die Arbeit im Kreißsaal zuhauf sehr kaltherzig und zu einer Massenabfertigung geworden ist. Oder sie leisten sich eine an die 10.000 Euro (ab dem kommenden Jahr!) hohe Haftpflichtversicherung, von der sie zwar nach einem Bürokratieschlag rund 2/3 wieder bekommen, aber auch dann noch über 3000 Euro erst einmal erwirtschaften müssen. Das ist gerade für freiberufliche Hebammen, die nicht in einer Klinik oder einem Geburtshaus arbeiten fast unmöglich, da diese ja auch nicht mehrere Mütter mit gleichem Geburtstermin annehmen können.

Die Folgen spüren vor allem die Eltern, die jetzt zur Zeit eine Hebamme suchen: Es ist fast unmöglich geworden, nach der 12. Schwangerschaftswoche noch an eine Hebamme zu kommen, die nicht schon ausgebucht ist. Es haben viel zu viele Hebammen die Geburtshilfe aufgegeben.


Was können wir tun, damit die Geburtshilfe in Deutschland endlich einen Status erhält, der den achtsamen Umgang mit Gebärenden, aber auch mit frischgeborenen Kindern sichert?

Vor allem müssen wir der Politik zeigen, dass es und nicht egal ist, wie Menschen geboren werden. Leider sind die Familien nicht der Fokus der deutschen Politik. Das heißt letztlich, dass wir laut werden müssen, um zu zeigen, dass es uns gibt. Denn Politiker setzen sich immer damit auseinander, was gerade am lautesten „schreit“. Eine Möglichkeit ist unser medial sehr gut begleiteter Weltrekord. Den haben wir extra mit der Ambition ins Leben gerufen, dass den so viel Presse und Fernsehen begleiten werden, dass man nicht „wegschauen“ kann.

Und da das Ding mit der Politik ein sehr langsamer Prozess ist, können wir selber bis dahin dafür sorgen, dass ein paar mehr Hebammen in die Geburtshilfe zurückkehren. Dafür haben wir den Storchenfonds gegründet, eine Art Crowdfunding, mit dem wir Hebammen die Haftpflichtversicherung zahlen.

Jede Hebamme, die einer Region wieder zur Verfügung steht, ist mehr als Gold wert für Schwangere und frisch gebackene Eltern.


Alle Links zu den vorgestellten Projekte findet ihr hier:

http://storchenfonds.org

http://miramondstein.de/

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