• Jessica Mertel

Erinnerungen bleiben... für immer - der Tag, an dem ich Mama wurde.


Ich wollte schon immer Mutter sein. Es war ein tiefer Wunsch, den ich seit Jugendtagen in mir trug. Damals war diese Stimme natürlich noch ganz schwach und leise - doch sicher war ich mir schon da. Ich wünschte mir immer ein kleines Mädchen. Warum, weiß ich nicht - ich sah mich irgendwie auch nie als Jungs-Mama. Ich wollte Kleider shoppen, Zöpfe flechten und bei den ersten Jungs-Problemen helfen. Und ich wollte eine starke, unabhängige, junge Frau heranwachsen sehen und ihr dabei helfen, ihren Weg in dieser Welt zu finden. 

Mein Traum wurde vor fast 6 Jahren Wirklichkeit. 


Mein Mann und ich durften uns 4 Wochen nach unserem Entschluss, ein Baby bekommen zu wollen, direkt über einen positiven Schwangerschaftstest freuen. Den machte ich heimlich auf der Office-Büro-Toilette - denn auf dem Weg zur Mittagspause überkam mich eine heftige Übelkeit - und irgendwie wusste ich es schon da. 15 Minuten später hielt ich das Stäbchen mit zwei deutlichen Streifen in den Händen. Wir. Waren.Schwanger!!!


Meine Freude war übergroß, gleichzeitig war ich unglaublich aufgeregt und verwirrt - der restliche Arbeitstag war dahin und ich freute mich darauf, meinen Mann zu Hause in die Arme schließen zu können.

Mit dem positiven Schwangerschaftstest kam auch die nicht enden wollende Übelkeit. 3 Monate ging das so und ich hing oft wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Ein Glück verkrümelte sich dieses Zipperlein exakt am Ende des 3. Monats und ab da ging es bergauf und meine Traumschwangerschaft lief ab wie in einem „Schwangerschaftsdrehbuch“. Ich hatte keinerlei Beschwerden - bis zum Entbindungstag. Nichts. Keine Wassereinlagerungen, keine Schmerzen und nur 9 kg Gewichtszunahme (ohne zu Hungern, wohlgemerkt - ich habe gegessen, worauf ich Lust hatte - zu jeder Tages- und Nachtzeit. Wir wissen alle: wenn das Baby Hunger hat, hat es halt Hunger. Ich schiebe die geringe Gewichtszunahme auf meinen Stoffwechsel. Der war schon immer gut und als Kind musste ich eher aufpassen, nicht untergewichtig zu werden).


Wir verbrachten die nächsten Monate also im absoluten „Baby-Himmel“ - wir träumten, richteten ein, bereiteten uns vor… und dann kam der Abend, an dem ich irgendwie spürte: es geht bald los.

Ich war 6 Tage über meinem errechneten ET, doch blieb weiter ganz entspannt. Ich sagte mir immer: mein Baby weiß, wann es Zeit ist. Und so lange warte ich. Die Klinik empfahl mir, ab dem 10. Tag über dem ET über eine Einleitung nachzudenken. Doch ich vertraute auf mein Kind und meinen Körper und ich sollte Recht behalten. An diesem besagten Abend wollte wir noch einmal etwas für uns als Paar tun und so gingen wir zu dem Musical „Mamma Mia“ von ABBA, die Karten bekamen wir vor Wochen geschenkt und ich freute mich sehr darauf. 

Während der Vorstellung verspürte ich immer wieder ein starkes Ziehen - ich schob es auf die Übungswehen, die ich die vergangenen Wochen hatte. Mein Bauch wurde während der Vorstellung immer wieder hart und der kleine Bauchbewohner war sehr unruhig. 

Nach der Vorstellung fuhren wir nach Hause - weitere Wehen blieben aus und so gingen wir zeitig schlafen. Wir waren müde und glücklich von diesem schönen Abend und ich hoffte, dass es vielleicht nun bald losgehen würde mit der Geburt… 

Der Tag der Geburt

Um 06:30 wurde ich von einem leichten Ziehen im Unterleib geweckt. Ich konnte nicht genau unterscheiden, ob es sich wieder um eine Übungswehe handelt oder ob womöglich jetzt der Zeitpunkt war. Ich entschloss mich, erst einmal duschen zu gehen (wohlwissend, dass dies vielleicht die letzte Dusche vor der Geburt ist) und verspürte unter der Dusche erneut Wehen. Dieses Mal wurden sie stärker und fühlten sich an wie starke Unterleibsschmerzen während der Periode. Ich war mir nun ziemlich sicher, dass ich hier die ersten Geburtswehen veratmete und informierte meinen Mann. Innerhalb der nächsten 3 Stunden nahmen die Wehen stark an Kraft zu und mir fiel es sehr schwer, die Wehen, die nun alle 5 bis 7 Minuten kamen, auszuhalten. Ich wollte ins Krankenhaus.


Also schnappten wir uns unsere Kliniktasche, sagten unserem Hundi auf Wiedersehen und der Mann fuhr - hier noch recht entspannt - Richtung Klinik.

Dort angekommen klingelten wir an der Entbindungsstation und eine freundliche Hebamme machte uns auf. Wir wurden erst einmal ins Vorwehenzimmer gebracht und durften uns dort häuslich einrichten. 


Die Ernüchterung kam während der ersten Tastuntersuchung meines Muttermundes - 1 cm. Hallo? Anhand meiner Wehen hätte ich gedacht, der Muttermund wäre mindestens bei 7 cm. Nun hieß es erst einmal abwarten und Tee, nein Wasser trinken. Was anderes ging in mich nämlich nicht rein. 


So verstrichen die Stunden, der Mann langweilte sich (da er mir nicht wirklich helfen konnte) und ich litt unter starken Wehen und schlimmen Wehenspitzen. Ich kann mich noch heute nach 6 Jahren an die Schmerzen und vor allem auch an die Hilflosigkeit erinnern. Keine Hebamme weit und breit und ich wusste nicht, wohin mit meinem Körper. Das einzige, was mir ein bisschen half war, mit dem Füßen zu strampeln, wenn die Wehe ihren Höhepunkt erreichte. Sah bestimmt lustig aus: alle 5 Minuten paddelte ich wie ein Fisch auf dem Trockenen mit meinen Beinen und jammerte in mich hinein.

Endlich kam eine Hebamme (eine von der strengen Sorte die mir sofort mitteilte, dass ich ja alles ganz falsch mache und überhaupt nicht richtig atme - ich wusste bis dahin nicht, dass es ein richtig oder falsch gab, war ich doch bisher in meinem Leben ganz gut mit meinem „Atmen“ zurecht gekommen ;)) und bot mir ein Schmerzmittel an - etwas entkrampfendes. Ich schrie ja - und merkte von dem Zeug auch nach 30 Minuten nichts. Die Hebamme untersuchte mich erneut (mit strenger Miene) und schüttelte den Kopf. 2-3 cm. Ich könne hier bleiben oder noch einmal nach Hause, um mich zu entspannen. An Entspannung war nicht zu denken - aber wir entschieden uns trotzdem, nach Hause zu fahren. Ich wollte ein Bad nehmen und weiter versuchen, meiner Wehen Herr zu werden.

Kleine, witzige sidenote: das Ganze kam meinem Mann sehr entgegen, da ein Endspiel seiner Lieblingsfußballmannschaft lief. 

So waren wir kurze Zeit später also zu Hause - der Mann guckte zufrieden Fußball, hielt dabei meine Hand und ich wälzte mich erst im Bett und dann später in der Wanne hin und her. Es hielt alles nicht. Kurz vor Abpfiff des Fußballspiels schrie ich meinen Mann an: „dein Fußballspiel ist mir jetzt so was von egal - ich habe das Gefühl, es ist bald soweit. Wir müssen sofort los ins Krankenhaus.“

Er erkannte den Ernst der Lage und so ging es erneut Richtung Klinik und das ganze Spiel ging von vorne los. Mittlerweile lag ich seit ca. 13 Stunden in den Wehen und fühlte mich erschöpft, war aber trotzdem positiv und freute mich so unendlich auf unser Baby.

Es geht los

Die Hebamme in der Klinik (es gab ein Glück einen Schichtwechsel und die „neue“ Hebamme war unglaublich herzlich, lieb und sehr engagiert) untersuchte mich erneut und der Muttermund war bei 7 cm. Wir hatten es bald geschafft. Die Wehen waren zu diesem Zeitpunkt aber so stark, dass ich es einfach nicht mehr aushielt und nach meiner PDA fragte (wir hatten hierzu schon vorher alle Formalitäten ausgefüllt). 20 Minuten später saß die PDA (das legen war wirklich sehr unproblematisch und ich habe rein gar nichts von der Kanüle gemerkt) und die Wehenspitzen blieben endlich aus. Schmerzen hatte ich trotzdem noch, aber diese waren auszuhalten und vor allem zu veratmen.


Kurze Zeit platze mir die Fruchtblase (im Bett des Vorwehenzimmers) und ich dufte in den Kreißsaal umziehen - der Muttermund war nun auf 10 cm geöffnet. Es konnte losgehen!


Meine Hebamme und ich waren ein tolles Team - auch, wenn wir uns vorher noch nie gesehen hatte. Sie verstand mich - und ich sie. Sie machte sehr viele Dinge richtig, entschied über meine Geburtspositionen und brachte den Prozess so positiv voran. 

Dann fühlte ich, wie sich die Wehen veränderten. Es waren nicht mehr die spitzen, lauten und bohrenden Eröffnungswehen sondern Presswehen. Und die hatten einen ganz anderen Charakter. Ich beschreiben dies oft als „Urgewalt“ - mit nichts vergleichbar. Ich hatte das Gefühl, entschuldigt, dass ich dies hier so schreibe, als würde mein Körper mein Inneres nach außen stülpen. Ich war nur noch Passagier und hatte keinerlei Kontrolle über meinen Körper. Die Presswehen waren unfassbar stark, aber kaum schmerzhaft. Der Druck war enorm und ich merkte - sie kommt!


Leider rutschte das Köpfchen in jeder Wehenpause wieder zurück und nach einer Stunde und insgesamt 17 Stunden in den Wehen entschied die Hebamme - gemeinsam mit mir - dass wir die Position ändern werden. Mein Mann war nun Teil davon und musste sich auf den Geburtshocker am anderen Ende des Raumes setzten, ich sollte mich zwischen seine Bein hinknien (mit dem Rücken zu ihm) und meine Unterarme auf seinen Oberschenkel stützen. So konnte er mich halten - körperlich und mental. Und ich konnte die Gravitationskräfte nutzen und wirklich „nach unten pressen“. Es dauerte 3 Presswehen lang - und unsere Tochter glitt in unsere Hände. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Sie war so klein und zerbrechlich. Sofort nahm ich sie auf die Brust und wir wackelten zurück zum Bett. Die Habamme wickelte uns in Decken und half mir, sie direkt anzulegen.


Was waren wir erschöpft, was waren wir glücklich.

Ich hatte das Glück, ein Einzelzimmer beziehen zu dürfen und war darüber sehr dankbar! Ich brauchte jetzt ein wenig Ruhe und freut mich darauf, meine kleine Maus kennenzulernen. Am Ende schlief ich die Nacht keine Sekunde und beobachtete unentwegt, wie sie atmete und konnte nicht fassen, was für ein Glück wir hatten, dass alles so reibungslos und unproblematisch gelaufen ist. Zu keinem Zeitpunkt war ihr oder mein Leben in Gefahr und es ging uns einfach nur gut. Auch wenn wir beide echt ziemlich müde und kaputt waren.

Endlich angekommen... ein neues Leben beginnt

Nach 2 Tagen ging es bereits nach Hause - die Apgar Werte waren bereits bei der Geburt top und auch die U1 und U2 meisterten wir ohne Probleme.

Unser Babyglück war perfekt und ich bin Immer noch unendlich dankbar, dass ich so eine wundervolle Schwangerschaft und so eine traumhafte Geburt erleben durfte. Ich weiß, dass ist nicht selbstverständlich.

Nun hat unsere Tochter in wenigen Wochen ihren 6. Geburtstag. Wir bereiten uns auf die Einschulung nächstes Jahr vor. Wir ziehen bald in unser Haus. Ach… ich sage es so oft - die Zeit rast. Eben hielt ich sie noch, gerade einmal 1 Tag alt, in meinen Armen, wärmte sie an meiner Brust und küsste sie wieder und wieder, da ist sie auch schon fast ein Schulkind, mag meine Küsse nicht immer, kann Fahrradfahren, rechnen, rennen, springen, Purzelbäume schlagen. Kann diskutieren und Witze erzählen. Und eh ich mich versehe, wird sie ihren Schulabschluss machen, wird die Welt bereisen, sich verlieben und vielleicht auch Kinder kriegen. Und ich werde alt werden… und trotzdem werde ich den Tag der Geburt dieses kleinen, besonderen Mädchens nie vergessen. Keine Sekunde davon. Und das… meine Erinnerungen… die bleiben. Für immer.

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