• Jessica Mertel

Die Vereinbarkeitslüge?!


Mein Leben gleicht manchmal einem Drahtseilakt – Arbeit, Kind, Blog, Haushalt, Partnerschaft, Freunde... ich versuche, mit Eleganz da durchzukommen, doch meistens rettet mich am Ende dann doch nur ein Bauchklatschersprung vom Seil vor dem sicheren Absturz. Mehrere Leben müsste man haben. Ja, das wäre der Plan. Geht aber nicht. Also zurück in die „kalte“ Novemberrealität.


Ein Beispiel: die Weihnachtsfeier unserer Kita findet dieses Jahr an einem Tag X um 14:30 Uhr statt. Halb drei... (!) lasst euch das mal auf der Zunge zergehen: welche Mama oder welcher Papa, die / der nur ansatzweise berufstätig ist, schafft es, bei dem Spross um halb drei mit Weihnachtsmütze im Plätzchen-Stuhlkreis zu sitzen? Ich jedenfalls nicht. Und der berlincitydad auch nicht. Wir müssen für unseren Lebensunterhalt nämlich arbeiten gehen. Klar, ich könnte die Teilzeit-Nummer so richtig durchziehen und nur bis 12:00 Uhr arbeiten, da würde sich mein Zukunfts-Ich dann aber spätestens beim Rentenanspruch mächtig bei mir bedanken – Altersarmut vorprogrammiert.


So trifft es also mit Sicherheit einen hohen Prozentsatz von arbeitenden Müttern und Vätern, dass sie eben nicht zur Schulfeier, zur Ballettaufführung oder zum Fußballspiel ihrer kleinen Racker erscheinen können – und das schlechte Gewissen ist dabei ein treuer, kauziger und grießgrämiger Begleiter in allen Lebenslagen. Darf ich vorstellen: „schlechtes Gewissen – working-momdad, working-momdad - schlechtes Gewissen“.

Zu Hause erinnern einen dann die Wäscheberge, die Staubflusen, die Tiefkühl-Pizza und die verwelkten Pflänzchen am Fenster an die eigene „Unzulänglichkeit“ ebenso wie wenn man nassgeschwitzt, mit Kind auf dem Arm und Tüten an der Hand, selbstverständlich mit Mami-Dutt auf dem Kopf, die Tür hinter sich zuzieht und betet, es hat einen keiner gesehen. Danke auch!


Apropos schlechtes Gewissen: ganz besonders gerne tritt es auf die große Bühne der miesen Gefühle wenn das Kind mal wieder krank ist. Kommt immer zu einem ungünstigen Zeitpunkt und auch meistens in Rekordtempo. Und so ein Infekt, ein Magen-Darm-Virus, eine Bindehautentzündung, ein Hand-Mund-Fußkrankheit, eine Mittelohrentzündung, eine Bronchitis, eine...wtf (!) geht ja auch nicht innerhalb von einem Tag wieder weg. Außer natürlich man doped das Kind – hab ich auch schon gehört, mich wundert nichts mehr. Der Druck, der auf uns Eltern, Müttern, Vätern lastet ist heutzutage enorm. Ein immer härter umkämpfter Arbeitsmarkt, ein immer fragileres Sozialsystem zwingt die deutsche Elternschaft nur allzu oft innerhalb kürzester Zeit zurück an den Arbeitsplatz. Da haben schon einige meiner Mit-Mamas und Mit-Papas ihre Kinder mit nem ordentlichen Fieberzäpfchen im Poppes scheinheilig in die Kita gesteckt... „Nee, dem Finn-Fabian geht’s super, ehrlich! Ach wo, der Infekt war einfach wieder weg... verrückt oder?“ So oder so ähnlich hallt es heutzutage aus den Kindertagesstätten der Stadt.


Vllt. dramatisiere ich das jetzt arg, aber worauf ich hinaus will: die Vereinbarkeit, die uns als das Nonplusultra vorgegaukelt wird, die das Maß aller Dinge und ach so leicht zu erreichen ist, gibt es einfach nicht. Ich hab’s ausprobiert, ich kann ehrlich behaupten: das wird nischt.

Mindestens eine Sache bleibt auf der Strecke. Wie bei einem Bücherregal – wenn ich an der einen Seite die Bestseller raufstelle, fallen auf der anderen Seite zwangsläufig die Novellen irgendwann runter.


Genauso steht es, meiner Meinung nach, übrigens um die Rollenverteilung. Mütter sind die neuen Väter? Väter sind die neuen Mütter? Schwachsinn! Was ich mir in Vorstellungsgesprächen in der Vergangenheit schon anhören musste – was ich im Arbeitsalltag schon erleben durfte, nur weil ich Frau und Mutter bin. Ich habe ein dickes Fell... es juckt mich nicht sonderlich, ich gehe meinen Weg, gemeinsam mit meinem Mann. Ihm wäre das in solch einer Form jedoch wahrscheinlich nie passiert –einfach, weil in den (meisten) deutschen Arbeitgeberköpfen ein sehr veraltetes, sehr gängiges Rollenverteilungsbild eingebrannt ist. Männer werden Väter? Super, kein Problem – ändert sich ja nichts. Frauen werden Mütter? Oh herrje, da müssen wir erstmal schauen, ob wir den Arbeitsplatz bis nach der Elternzeit halten können, schwierig schwierig.

Und selbst wenn die Frau zügig nach der Entbindung (kann halt „leider“ nur die Frau machen – aber vllt. wird sich das evolutionsbiologisch ja in den nächsten 1.000 Jahren ändern und den Männern wächst eine Gebärmutter) an den Arbeitsplatz zurückkehrt, ist sie ein brodelndes Pulverfass mit keimbelegter Brut zu Hause, die jederzeit ausfallen und den Arbeitgeber in den Ruin treiben kann. Ah ja.

Das Thema steht aber nur selten zur Debatte bei den Männern des Betriebes – so meine Erfahrungen.


Dabei muss ich an dieser Stelle aber eine Lanze für meinen Arbeitgeber brechen: hier trifft Verständnis auf Vertrauen und ich freue mich jeden Tag, Teil dieses wunderbaren Verlages zu sein.


Trotzdem ist es ein inneres Duell, was ich und mit Sicherheit viele da draußen jeden Tag aufs Neue mit sich selbst ausmachen müssen.

Versteht mich nicht falsch – ich bin ein Fan von Emanzipation, von „über-den-Tellerrand-gucken“, aber es ist einfach faktisch eine Lüge, dass alles so anders ist heutzutage, alles so einfach und Deutschland sowieso soooo fortschrittlich ist. 95% meines Bekannten- und Freundeskreis machte es so wie schon viele Generationen vor uns: die Frauen blieben nach der Geburt zu Hause. Punkt. Basta. Und waren mehr oder weniger glücklich damit.

Ich kann das Gesabbel um Rollenverteilungen und deren Aufbrechen einfach nicht mehr hören. In der Arbeitswelt ist dieses Thema eh noch lange nicht angekommen, alleine die Gehaltsunterschiede zwischen Mann und Frau, die immer noch existent sind, sprechen für sich. Die Teilzeit-Statistik nach Männer- und Frauenanteil ebenso.

Warum ist das so? Und was muss passieren, damit sich etwas ändert? Und ganz interessant sind auch die Fragen: wird (alles) besser, wenn sich alles ändert? Ist es das, was wir Frauen wollen – die Umkehrung des Rollenbildes? Ist das Emanzipation?


So kämpfen und wurschteln wir uns alle durch die ersten wilden Jahre der Kindererziehung. Sei es als Hausfrau (ja, oder eben auch Hausmann), als arbeitende Mutter oder als arbeitender Vater. Und wie wir es machen, machen wir es sowieso falsch.

Sind wir bei den Kindern, sind wir eine Belastung für die Gesellschaft und sowieso faul, sind wir arbeiten, sind wir Rabeneltern, die Ihre Kinder abschieben und von A nach B betreuen lassen.

Werden wir den gesellschaftlichen Vorstellungen gerecht? Werden wir UNS gerecht?

Wisst ihr was? Es sollte euch allen EINFACH EGAL SEIN, was andere von euch denken. Euer Weg ist der einzig richtige – für euch! Es geht doch darum im Leben, glücklich zu sein. Mit seinen Entscheidungen im Einklang zu sein. Ihr seid Mutter geworden und wollt das Muttersein in all seinen Facetten leben? Prima! Ihr möchtet euch auf anderer Ebene selbst verwirklichen und in den Job zurück, ein Unternehmen gründen... was auch immer? Großartig! Lebt euer Leben, wie es euch gefällt... ihr habt ja nur das eine, oder? ;)


In diesem Sinne wünsche ich euch einen wunderschönen Abend!

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