• Jessica Mertel

"Die Elternschule"... ein Film im Brennpunkt

Aktualisiert: 3. Apr 2019

Erziehung... was ist das eigentlich? Wo fängt sie an, wo hört sie auf, was darf, kann, sollte man als Elternteil - was darf, kann und sollte das Kind? Wo liegen die Grenzen? 

Wikipedia spuckt uns jedenfalls schon mal das hier aus:


"Unter Erziehung versteht man die pädagogische Einflußnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender. Dabei beinhaltet der Begriff sowohl den Prozeß als auch das Resultat dieser Einflußnahme.“[1] Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka definiert Erziehung als Handlungen [...], durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten." (Quelle wikipedia)

Wir sind uns schon mal bei einem Punkt ganz sicher: es gibt (für uns) kein "schwarz und weiß" und kein "richtig oder falsch" -die Grautöne und Nuancen machen unserer Ansicht nach einen guten "Erziehungsstil" aus... 

berlincitymum sagt...

Wie habe ich dieses Buch verteufelt... "Jedes Kind kann schlafen lernen".

Alleine schon der bloße Gedanke daran, auf einem Stuhl vor dem Kinderzimmer zu sitzen und mein Kind weinen zu lassen, es im Dunkeln auf ihre Mama warten zu lassen die nie kommen wird, hat mir das Herz gebrochen. Und ich habe nie, niemals meine Tochter alleine gelassen, wenn der Tag sie nicht losgelassen hat oder die Monster unter dem Bett einfach zu real für sie waren. Es mag Mütter oder Väter geben, die denken oder hoffen, einen Ausweg aus der gefühlten Hilflosigkeit zu finden, indem sie die Kinder da einmal durch das Programm jagen – ganz nach dem Motto: Augen zu und durch. Ich empfinde wirklich mit ihnen! Glaubt mir, auch ich durfte lange, lange Zeit unter permanenten Schlafmangel durch die Stadt schlurfen, inkl. Sekundenschläfchen im Stehen an der Supermarktkasse. Nein, unser Kind schlief nicht durch, unser Kind aß nicht, wie es sollte, unser Kind verhielt sich nicht, wie es müsste – sie war munter und wild und besonders. Das ist sie noch heute, aber wir haben gemeinsam einen behüteten und bedürfnisorientierten weg gefunden, ineinander zu passen wie ein gut geschliffenes Uhrwerk – das braucht Zeit, Geduld... und Liebe.

Umso mehr schockt mich die Lobhudeleien der deutschen Presse für dieses Meisterwerk an Autorität.


Ich fühle mich zurück katapultiert in ein Jahrzehnt, welches mit Sicherheit nicht zu den Glanzstunden der deutschen Geschichte gehören.

Für mich gibt es eine unumstrittene Grenze – und das ist natürlich nur meine Meinung: körperliche Gewalt sowie das Ausleben von körperlicher Überlegenheit ist ein absolutes No-Go - ein klares Nein! Dazu gehört für mich auch das nicht akzeptieren wollen kindlicher Grenzen, alle Formen von Liebesentzug und jede herabwürdigende Handlung.

Ich meine... stellt euch einmal vor, jemand nimmt euch mehr oder minder in den Schwitzkasten und zwingt euch zu essen... oder lässt euch in einem dunklen Raum an einem fremden Ort alleine und erwartet, dass ihr seelenruhig einschlaft... Und wir sind erwachsen. Ich mag mir wirklich nicht ausmalen, was diese Erziehungsmaßnahmen mit den Kinderseelen anrichten.


Das ist Konditionierung und nicht Erziehung. Das ist eine Form der Abrichtung. Natürlich wird so jedes mögliche Ziel erreicht: Still sein, angepasst sein, alleine einschlafen können, brav aufessen können. Aber ich möchte für meine Fälle keinen angepassten kleinen Menschen an meiner Seite. Ich möchte ein wildes, lebendiges, lautes und unangepasstes Kind.


Und wer von euch unsere Tochter kennt weiß, dass sie alles andere als ungehobelt, unangenehm oder aufmüpfig ist – ganz im Gegenteil. Das Urvertrauen ist tief in ihr verwurzelt und hat sie zu einem wundervollen Menschen heranreifen lassen der auf seine Umwelt mit Verständnis, Großzügigkeit und Liebe reagiert.

Eltern, die sich in solch einer Situation befinden wie im Film dargestellt, haben mit Sicherheit schon alles ausprobiert. Ich möchte diese nicht verurteilen, dass steht mir nicht zu! Aber ich verurteile die angewandten Methoden. Es ist wichtig, viel früher Hilfestellungen zu geben, Programme anzubieten, die zeigen, wie bedürfnisorientierte "Erziehung" funktionieren kann.


Dann kommen wir nämlich gar nicht erst an den Punkt der "stillen Treppe"... und Ratgeber wie "Jedes Kind kann schlafen lernen" sind hoffentlich bald Geschichte...


berlincitydad sagt...

Gute Erziehung bedeutet für mich Verständnis und hat viel mit mentaler Arbeit zu tun.

Aktion und Reaktion können unmittelbar erfolgen in Form von Instinkt, Intuition, Hilfslosigkeit oder auch einfach fehlendem Willen, sich mit der Situation zu beschäftigen.


Auch ich habe meiner Kindheit Sanktionierung vorschnell erfahren, weil klärende Gespräche zur Konfliktbewältigung fehlten. Als Kind möchte man als würdiger Gesprächspartner respektiert, gehört und verstanden werden. Weder Hausarreste noch Taschengeldkürzungen haben zu Einsehen, Nach- oder Umdenken geführt.

Nicht nur wegen den Erlebnissen meiner Kindheit, aber auch gerade deswegen gehe ich MEINEN Weg der Erziehung. Ich treffe heute Entscheidung, die auf der  Erziehung meiner Eltern begründen. Die Erziehung meiner Eltern endete also nie, da sie die Art wie ich meine Tochter erziehe, nachhaltig beeinflusst.

Es gibt nicht die EINE Erziehung.. Mein Charakter, meine Erfahrungen, meine Ideale und meine Erlebnisse tagtäglich prägen meinen persönlichen Stil und meine eigene Sicht der Erziehung wie ich sie für richtig halte.

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut der Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit Andersartigkeit definiert mitunter unseren eigenen Stil. Ich kann meine Erziehung nur ändern oder verbessern, wenn ich mich mit anderen Inhalten beschäftigt habe.

Der Film „Elternschule“ wird derzeit hitzig in den Medien diskutiert. Er zeigt dokumentarisch EINE mögliche Form der Erziehung von Kindern mit psychosomatischen Erkrankungen.


Stimmen fordern, den Film zu verbieten. Blödsinn!

Andere fordern mehr Widerspruch. Besser!

Der Film hat mich berührt. Zum Glück!


Ich war genervt, schockiert, und wütend. Viele Emotionen, die alle eines bewirken: ich bin in der Lage, meinen Standpunkt und meine Sicht von Erziehung zu analysieren und einzuordnen.

Ich sehe Vorgehensweisen, die ich ablehne! Aber bin auch in der Lage, dies zu bewerten. Somit hat der Film definitiv etwas bewirkt. Vielleicht wollte er das, vielleicht auch gerade das nicht.

Aber diese Inhalte zu verbieten, weil sie unverständlich sind und nicht unserem Ideal entsprechen?

Warum war ich nicht traurig? Man kann und sollte selbstverständlich Mitleid mit den Kindern haben.

Kinder werden alle als reine, unbedarfte Wesen geboren wurden. Warum leiden sie unter psychosomatischen Erkrankungen? Weil sie in ihrem Umfeld unwürdig bzw. nicht kindgerecht behandelt wurden. 

Würde sich einer der beteiligten Erwachsenen des Filmes freiwillig in dieser Art behandeln lassen?


Therapie nennt man das. Therapie setzt aber immer die Einwilligung des zu Therapierenden voraus, in diesem Fall des gesetzlichen Vertreters.

Was bleibt, ist die Wut. Die Wut auf das Versagen der gesetzlichen Vertreter, der Eltern. Sie haben aus ihrem  Kind etwas gemacht, mit dem sie nun nicht mehr zurechtkommen.Trifft sie eine Schuld, wenn sie es doch nicht besser wussten? Haben sie es vielleicht selbst nicht besser erfahren.

Unwissenheit ist keine Entschuldigung. Und nur wenige besitzen die Bereitschaft, an sich zu arbeiten.


Aber werden Eltern nicht auch häufig alleine gelassen. Werden familiäre Missstände nicht häufig zu spät erkannt, um rechtzeitig konstruktiv einzugreifen?

Steht also nicht die Gesellschaft in der Pflicht, (werdende) Eltern im Bedarfsfall zu unterstützen, damit sie ihre Kinder (besser) verstehen und mit Einfühlungsvermögen erziehen?

Denn eine gute Erziehung sollte uns allen am Herzen liegen.


Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen“ – Augustinus Aurelius

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