• Jessica Mertel

4 Mythen rund um Schwangerschaft und Geburt - und was es damit auf sich hat...

Aktualisiert: 3. Apr 2019



Viele meiner Freundinnen (und Freunde – nur die sind halt eher körperlich passiv daran beteiligt) sind gerade schwanger oder haben gerade ihr erstes Kind bekommen.

Als ich damals schwanger war dachte ich, ich hätte wirklich eine Ahnung davon, was auf mich zukommen würde – und wisst ihr was: ich lag so dermaßen falsch. Denn wenn dein Baby erst einmal auf der Welt ist, ist alles neu und sowieso ganz anders als gedacht.

Deswegen möchte ich euch – ganz besonders auch den werdenden Mamas da draußen, ein Liste mit kleinen Mythen an die Hand geben – denn glaubt mir: Es kommt immer anders, als man denkt ;) ...


Mythos 1:

Der Geburtsvorbereitungskurs – bereitet dich auf die Geburt vor.


Meine Meinung:

Ha! Ernsthaft? Als ich grunzend wie ein verendendes Mufflon irgendwie versuchte, unter den Wehen zu überleben, war ich alles andere als „bei mir“. Ich war „irgendwo“, aber bestimmt nicht in meiner Mitte. Als mich dann auch noch die Hebamme anraunzte, ich solle doch mal richtig atmen, ich atme ja gar nicht (doch, tat ich, sonst würde ich jetzt ein paar Meter unter der Erde liegen), war eh alles vorbei. Neben das Grunzen gesellte sich dann noch ein leichtes Fauchen – weg ging sie leider doch nicht. Ein Glück erlöste mich dann der Schichtwechsel und eine wunderbare Hebamme übernahm den Rest dieses sehr besonderen Erlebnisses. Und nichts, wirklich rein gar nichts kann dich auf das alles vorbereiten. Auf die Schmerzen, auf die gewaltigen Kräfte, die aus deinem Inneren hervorbrechen und dich komplett übermannen. Ich fühlte mich wie in einem Raumschiff, ohne Kontrolle, aber wissend, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Das letzte, woran ich dachte, war die Atmung, die Frequenz meines Ein- und Ausatmen, die Visualisierung des Geburtsprozesses oder die Vorstellung, wo genau auf dem Geburtsweg das Köpfchen jetzt steckte. Alles wurde irrelevant und ich funktionierte nur noch.


Mein Tipp an euch: besucht, wenn ihr möchtet, einen Geburtsvorbereitungskurs. Aber geht am besten nicht davon aus, dass ihr dann wirklich „vorbereitet“ seid. Denn das kann man ja gar nicht sein, wenn man etwas durchlebt, was fast schon übernatürlich ist.

Als happening für euch und ggf. euren Mann ist es aber natürlich eine schöne, gemeinsame Zeit, die ihr da verbringen könnt.


Mythos 2:

Der Geburtsplan – sicher durch das Unbekannte.


Meine Meinung:

Geburts“plan“ – darf ich mal kurz lachen? N’ Plan haben im Leben ist ja immer ganz gut, aber n’ Plan für die Geburt haben mag auf dem Papier vielleicht Sinn machen, unter den Wehen kommt dir wahrscheinlich jeder Plan vor wie ein schlechter Witz. Entspannende Musik, wahlweise mit Walgesängen oder Waldgeräuschen, autogenes Training und Selbsthypnose, Duftstäbchen und ayurvedische Öle... hach, zu schön die Vorstellung. Auch die einzelnen Steps bei der Geburt (wenn das passiert soll das passieren usw.) sind in der Theorie bestimmt sehr eindrucksvoll vorstellbar, aber in der Realität, nun, wie soll ich es sagen, eben der Mutter Natur unterworfen. Denn, glaubt mir (und ich möchte hier jetzt natürlich keine „Geburtsplan-Verfechterinnen“ angreifen – die können das Kapitel einfach überspringen) das ist alles für die Katz. Oder den Kater – so fühlt ihr euch nämlich mit all den Eindrücken und Sinneswahrnehmungen: als hättet ihr einen richtig fetten Kater von zu viel Glühwein bei der letzten Weinachtsfeier (okay sorry – Glühwein ist für Schwangere ein No-Go – aber dran denken darf man ja mal, oder? ;)). Und mit nem Kater macht man meistens auch keine Pläne für den Tag. Sondern lässt alles auf sich zukommen. So ist es nämlich, meiner Meinung nach, am besten: lasst die Dinge einfach geschehen.

Egal wie gut ihr euch vorbereitete, lest, meditiert: die Geburt durchlebt ihr auf eure ganz eigene Art, und jede eben anders. Für die eine ist die Konzentration auf die Atmung der Weg zum „Erfolg“, für die andere eine Hand, an der sie sich festhalten kann.

Mein Tipp an euch: Versucht unter der Geburt „euren“ Weg zu finden und vor allem auch zu akzeptieren, dass es okay ist, wenn es anders läuft als gedacht. Es ist okay, eine PDA zu bekommen, es ist okay, aufgeben zu wollen – ihr werdet es nicht tun, denn ihr seid bereits Mamas und ihr werdet kämpfen, das verspreche ich euch. Es ist okay, euer Kind mit einem Kaiserschnitt auf die Welt zu bringen: ihr habt euer Baby genau so geboren wie jede Mutter unter einer natürlichen Geburt. Es ist okay, auf deine innere Stimme zu hören, denn sie zeigt euch den Weg...


Mythos 3:

Schlaft, wenn das Baby schläft...


Meine Meinung:

Merkt ihr was... ? Muss man dazu noch viel sagen?

Man kennt ja den Witz a la „..dann putze ich auch wenn das Baby putzt und so weiter...“. Und genau so ist es.

Ihr werdet nicht schlafen, wenn das Baby schläft. Denn wenn ihr schlaft, wenn das Baby schläft, dann macht ihr alles andere, was so im Leben anfällt (Körperhygiene (ja, dass wird ein kniffliges Thema, wenn das Kind erst einmal da ist, sage ich euch), Essensaufnahme, Haushalt, Wäsche, Einkaufen etc. etc. etc. pp.) wenn das Baby wach ist. Und das ist absolut suboptimal. Glaubt mir, unter der Dusche stehend mit Shampoo auf dem Kopf eine weinende Mini-Version von euch selbst durch die beschlagene Duschtür zu beruhigen ist in etwa so effektiv wie eine Löwen durch vorgelesene Lyrik beruhigen zu wollen.

Also macht man als frischgebackene Mama am besten alles, was so anfällt, WENN das Baby schläft. Das machen die nämlich oft. Vor allem gerne am Tag und weniger gerne in der Nacht. Warum sollte es auch einfach sein, wenn es kompliziert sein kann.

Unterm Strich kommt dann aber wenig Schlaf bei dir rum, dafür umso mehr Schlaf beim lieben Nachwuchs. Versuche dich auf zombieähnliche Gemütszustände deines Geites einzustellen.

Und versuche besser nicht, nach 6 Monaten Dauer-Schlafentzug aka Neugeborenenmutter-Folter durch ein Parkhaus zu fahren. Das kostete mich einen Kotflügel und meine letzten, wenigen, übriggebliebenen Nerven.


Fazit: Ich fahre heute noch mit einem demolierten Kotflügel durch die Gegend. Dafür habe ich aber ein glückliches Kind und ein gesundes Seelenleben. Denn ich versuche, mich als Mama nicht verrückt zu machen und alles auf mich zukommen zu lassen.

Wie man auf Hawaii so schön sagt:


"E ho'omanawa nui“ • Zeit fließt von einer Begebenheit zur anderen

Mythos 4:

Das Baby sollte mit 6 Monaten schon durchschlafen können...


Mein Meinung:

Wer hat sich diesen Mist nur ausgedacht? Und in das gesellschaftliche Gedächnis und Verständnis verankert? Großeltern, Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen: früher oder später kommen sie alle mit diesem einen, gruseligen Satz: "Uuuuuund, schläft (hier bitte Namen einsetzen) schon durch?", gerne auch gefolgt von "du solltest ihn / sie aber schon so früh wie möglich im eigenen Bettchen schlafen lassen - ist ja auch echt gefährlich so im Elternbett" oder "du solltest vielleicht doch abstillen - das Kind kommt nur deswegen so oft in der Nacht"... So oder so ähnlich klingt es tausendfach in deutschen Freundes- und Familienkreisen. Und alle "Ratschläge" sind mit Sicherheit gut gemeint, wohlwollend. Doch sie sind nicht durchdacht. Denn erstens sind Ratschläge ungefragt ja meistens eine Einmischung, die so vielleicht gar nicht gewollt ist und zweitens wissen die Fragesteller oder Ratschlaggeber ja gar nicht, was die Eltern wirklich für ein "Baby-Leben" leben wollen. Denn schaut man es sich einmal evolutionär an, so sind Babys bis weit in das zweite Jahr hinein ganz und gar nicht dafür gemacht, alleine zu schlafen. Das kleine Baby-Hirn ist nämlich noch ganz schön im Ur-Mensch-Modus. Die Gefahren, die vor der Kinderzimmertür lauern, sind einfach zu groß. Säbelzahntiger, Feuer, Hungersnöte... kann für so ein Baby theoretisch alles passieren. Praktisch wohnen wir heutzutage in gut beheizten, trockenen, vor wilden Raubtieren und Feuersstürmen sicheren Wohnungen. Weiß das Urzeit-Babyhirn nur nicht. Und so ist es nicht verwunderlich, dass allabendlich ein "Kampf" entsteht (den fechtet man dann aber eher im innern aus) wenn es heißt - ab ins Bett, Licht aus, Tür zu - bis morgen früh.


Auch hier denke ich: hört auf euer Gefühl. Wenn euer Kind bei euch schlafen soll, bis es 18 ist - so what? Wenn es euch damit gut geht - läuft ja keine "Familienbettpolizei" da draußen rum und klingelt all abendlich an deutschen Haustüren. Wenn ihr es weiterstillen wollt, weil es eben das beste für euren Nachwuchs ist: auch gut!


Der Spruch: die werden so schnell groß ist einfach nur wahr. Die werden groß und das geht alles so unfassbar schnell, dass es vielleicht ratsam ist, jeden Moment festzuhalten und im Moment zu leben. Und wenn der Moment eben durch Schlafdefizit oder kindlichen Käsefüße im Gesicht im elterlichen Bett besteht. Eh wir uns versehen sind die Füßchen verschwunden und laufen alleine durch die Welt - und wir können nur noch zu schauen und dann erinnern wir uns vielleicht zurück an die Momente, wo die Händchen gehalten und die Köpfchen geküsst und die Näschen geputzt werden mussten. Und vermissen unsere kleinen Kinder. Denn klein sind sie nur einmal...



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